Person droht zu springen
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Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge in Feuerwehr und Rettungsdienst.

Zunächst muss ich darauf hinweisen, dass es für den Einsatz "Person droht zu springen" keine Patentrezepte gibt. Die folgenden Hinweise sollen auf den Einsatz soweit wie es geht vorbereiten.

Hinweise für den Einsatzleiter FW:

  • Patentrezepte für den Umgang mit einem Suizidanten gibt es nicht. Jeder Patient hat seine eigenen Probleme, seine eigene Vorgeschichte. Folglich muss ich mich als Einsatzleiter FW auf jeden Suizidanten, auf jeden "Springer" neu einstellen.
     
  • Dazu kommt ein enormer Leistungsdruck durch außerordentliche eigene emotionale Belastung
    • Arbeit u.U. in aller Öffentlichkeit, im Beisein der verschiedenen Vertreter der Medien
    • großer Zeitdruck
    • widrige Witterungseinflüsse
    • Arbeiten in großer Höhe etc.
    • Dies alles ist evtl. neben umfangreichen organisatorischen Aufgaben (2.6) so gut zu bewältigen, wie es geht.
  • Gedanken die ich mir als Einsatzleiter FW machen sollte, bevor es zum Einsatz "Person droht zu springen" kommt
    • Wie sieht es in mir selbst aus?
      Anmerkung: Die meisten Menschen hatten schon einmal Selbstmordgedanken.
    • Wie werde ich vermutlich reagieren, wenn alle Bemühungen scheitern und die Person springt?
    • Kann ich es innerlich akzeptieren ohnmächtig zu sein?
    • Wie genau kenne ich meine eigene Grenzen und die Grenzen meiner Mannschaft?

Einsatzleiter FW: enormer Leistungsdruck

  • Als Einsatzleiter FW stehen wir unter enormem Leistungsdruck: Wenn der Suizidant beim Hinkommen zur Einsatzstelle noch steht, hat man beste Chancen, daß er nicht springt. Wir werden mit einem Menschen konfrontiert, der sich einer Lage befindet, in der er weder sterben noch weiterleben möchte. Das ist ein Sonderfall.

Arbeit in der Öffentlichkeit:

  • Erschwerend kommt hinzu, daß dieser Konflikt vom Betroffenen meist in der Öffentlichkeit ausgetragen wird, was die Einsatzsituation erschwert. Die Einsatzkräfte werden dann durch Schaulustige, Medien und den Zugzwang in besonderen Streß versetzt.

Zeitdruck:

Wie lange kann er sich noch halten?

Witterungseinflüsse:

Kälte, Nässe, Eis (Abrutschen)

Arbeit in großer Höhe:

  • Hinzu kommt die oft erhebliche Höhe, aus der der Sturz angedroht wird (Brücke, Baukran, Hochhaus). Falls vorhanden, spezielle Höhenrettungs­gruppen der FW alarmieren. In besonderen Fällen kann der Einsatz der Polizei mit einem Sondereinsatzkommando (SEK), z.B. bei bewaffneten, betrunkenen oder schwer zugänglichen Personen, erforderlich sein.

Organisatorisches:

  • Nachalarmieren (Wehrführung, POL, RD-NA, Notfallseelsorger, polizeipsychologischer Dienst usw.).
  • Sicherheitsvorkehrungen treffen:
    • Absperren: Zurückdrängen Schaulustiger, da Zurufe dieser oft betrunkener Personen provozieren: "Nun spring doch endlich, wenn du dich traust!" - Verkehr umleiten durch POL.
    • Aufbauen von Rettungsgeräten: Sprungretter, Aufstellen der Drehleiter (keine Sprungtücher, da zu hohe Verletzungsgefahr!) Alle Sprungrettungsgeräte haben Einsatzgrenzen, die schon nach wenigen Höhenmetern keinen sinnvollen Erfolg gewährleisten.
  • Vorgehen absprechen mit POL und RD/NA:
    • Die Schritte der Kontaktaufnahme und die ggf. parallel eingeleiteten technischen Maßnahmen müssen mit allen Beteiligten abgesprochen werden. Einigung, wer spricht mit Person, wie und von welchem Ort aus

Kontaktaufnahme

  • Kein Megaphon nehmen, da der Betroffene nicht mit dem gleichen Mittel antworten kann, die Reichweite oft überschätzt wird und er nicht verstanden wird. Außerdem hören dann Schaulustige und Presse -/- Medien mit. Besser: Handfunkgerät oder Telefon, falls möglich. Oder Sprechen von Drehleiter aus. Immer Kontakt über einen zweiten Mann im Hintergrund, der über Handfunksprechgerät die Verbindung nach "unten" hält.
  • Eigensicherung beachten!
  • Wichtig: Vor der ersten Kontaktaufnahme immer erst versuchen, Informationen bei Umstehenden, Nachbarn, Familienmitgliedern usw. einzuholen: Wie heißt der Mann? Was ist passiert?
  • Nie überstürzt handeln und den Betroffenen durch plötzliches Auftauchen in Panik versetzen! Ankündigen, dass Wir kommen und mit ihm reden wollen. Polizeiuniformen lösen oft starke Aggressionen aus, vor allem bei alkoholisierten Personen. (evtl. Uniformjacke ausziehen!)
  • Bevor wir uns nähern, sein Einverständnis einholen!
  • "Kann ich ein bisschen näherkommen?!" Er kann bestimmen, wie nahe Wir kommen, er hat hier die Autonomie, er kann die Situation gestalten!
  • Grundsatz: So nah wie möglich und so fern wie nötig!
  • "Einen Schritt weiter, und ich springe!" - Keinesfalls auf jemanden zugehen, der zu springen droht!
  • Erste Kontaktaufnahme: Vorstellen mit Namen. Klarmachen, dass wir als Mitmensch helfen wollen und nicht als Amtsperson. Wir bieten Hilfe an, vermitteln Hilfe durch andere und finden gemeinsam einen Weg fürs Weiterleben. Gesprächsbasis schaf­fen, vielleicht etwas anbieten Zigarette, Kaugummi, etwas zu Trinken ( kein Alkohol !!), Vertrauen zu gewinnen suchen. Deshalb: Keine unüberlegten Handlungen, keine unangekündigten Aktionen der Hilfskräfte.
  • Günstige Ausgangssituation, falls man den Namen der Person bereits unten erfahren hat und sich vorstellen kann: "Herr x., hören Sie bitte, ich heiße z..."
  • · Falls man seinen Namen noch nicht weiß, diesen von ihm erfragen.
  • · In welcher körperlichen Verfassung ist er? Wie lange kann er sich da halten? Zugriffsversuch aber nur bei hochgradiger Erschöpfung oder geistiger Verwirrung. Eigensicherung beachten!!! Rettungsknoten muss vorher unten angelegt worden sein. Sicherung durch zweiten und dritten Mann im Hintergrund bzw. im Drehleiterkorb.
  • Ein Überrumpeln des Suizidanten kann beim Scheitern der Aktion ein Springen in Panik hervorrufen und uns selbst gefährden (Absturz durch Mitreißen!).
  • Wir sollten so schnell wie möglich herausbekommen, ob er Wahnvorstellungen hat (Psychose) oder nicht, z.b.: CIA verfolgt ihn, er hört Stimmen, erzählt abstruse Geschichten, innere Logik stimmt nicht. Bei einem Psychotiker ist es wichtig, dass wir uns auf seine Wahninhalte einlassen. Nicht Argumen­tieren gegen den Wahn!!! So gewinnt er Vertrauen, da er sich ernstgenommen fühlt. Hinter seinem Wahn steht ja Angst, und diese Angst ist echt!!!
  • Gesprächsbasis - Vertrauen aufbauen! Etwas anbieten: Zigaretten, Kaugummi, Essen, Trinken (kein Alkohol!)

Gesprächseinstieg

Was kann ich für Sie tun? Wie kann ich Ihnen helfen?quot; Nicht bedrängen oder werten: "Machen Sie doch keinen Unsinn, kommen Sie herunter!" Grundsätzlich per "Sie" anreden, es sei denn, er wünscht per "Du" angeredet zu werden.

Zum Reden bringen ("Talkdown!"): Was hat ihn in diese Situation gebracht? "Was ist passiert...?quot; - "Sie müssen sehr fertig sein, wenn Sie sterben wollen...?!"

Auch originelle und humorvolle Möglichkeiten, ohne jemanden lächerlich zu machen: "Ich bin ganz außer Atem vom Herauf­klettern..." oder "Wie sind Sie denn hier herauf gekommen?quot; können den Betroffenen zum Reden bringen. Das Sprechen über Probleme hat einen therapeutischen Effekt und man erhält wichtige Informationen, z.b. ob der Betroffene alkoholisiert ist oder ob er Wahnvorstellungen hat, ob er einen (Ehe)partner, Verwandte oder Freunde hat, die er sprechen will (Unbedingt Namen, Adressen, Telefonnummern erfragen und über Funk versuchen, diese durch POL evtl. mit Sonderrechten herbeiholen zu lassen). Ihm sagen, dass diese Personen kommen, aber dass es dauert.

Oder will er mit dem Arzt, dem Pfarrer, einem Psychologen reden?! Pfarrer/in ist oft Person des Vertrauens, deshalb Notfallseelsorger gleich zu Beginn des Einsatzes Nachalarmieren lassen, da dieser meist etwas länger braucht, bis er an die Einsatzstelle kommt (Fahrzeug von EZ mit Sonderrechten zum Abholen schicken lassen bzw. im Rendezvous-System Treffpunkt vereinbaren).

Ist die gewünschte Person (Partner, Verwandter usw.) eingetroffen, so muss auch dieses Gespräch vorbereitet werden. Nie sollte man die Person "blind" losstürmen lassen. Zunächst einmal ist es wichtig, die Beziehung zu dem Lebensmüden zu ergründen und herauszubekommen, ob die Person überhaupt willens oder auch in der Lage ist, mit dem Lebensmüden in Ihrem Sinn zu reden. Dies muss unten durch einen über die Lage durch Funk informierten zweiten Einsatzleiter (besser Pfarrer, Arzt, Psychologe) erfolgen - unbemerkt von dem "Springer" oben, und zwar für den Fall, dass die Person sich als ungeeignet erweist. Nicht auszudenken, wenn unerwartete Ausrufe erfolgen: "Soll er doch springen, ist mir egal. Spring doch, wenn du dich traust, dann hab ich wenigstens meine Ruhe vor dir!" - Bedenken, dass immer die Möglichkeit der Rache des Lebensmüden, der nur darauf wartet, vor den Augen der herbeigerufenen Person hinunterzuspringen (Bestrafung der Angehörigen) besteht.

Keine Tricks, keine Gewalt!

  • Keine paradoxe Intervention: "Springen Sie doch...!"
  • Das autoaggressive Verhalten kann sich auch schnell auf den anderen richten. Bei vorhandener Schußwaffe nie in Sichtweite, bei Messer nie in Reichweite gehen! Falls Wir den Erstkontakt aufgenommen haben, sich nicht ablösen lassen durch später am Einsatzort eintreffende Personen, es sei denn, der "Springer" ist damit einverstanden, dass "der Pfarrer/in" jetzt da ist und er mit ihm/ihr reden will.
  • Im Hintergrund bleiben zur Sicherung des anderen.
  • Das Gespräch allein kann den Einsatz zu einem positiven Ergebnis führen. Über­lassen Wir es dem anderen, die Richtung des Gesprächs zu bestimmen. Hören Wir aufmerksam zu, zeigen Wir Interesse und Anteil­nahme an der Person und den Problemen des anderen, fühlen wir in seiner Welt.

Keine Kränkung:

  • Frage: Wie kommt er aus dieser Situation raus, ohne sein Ansehen zu verlieren? Die Lösung darf ihn nicht kränken (Nazismus!). Feuerwehreinsatzjacke anbieten zum Überziehen beim Heruntergehen; so ist er nicht so schnell erkennbar für die Schaulustigen und die Presse und kann im Einsatzleitwagen verschwinden. "Wie wäre es eigentlich, wenn Sie jetzt mit mir heruntersteigen würden? Ich und meine Kollegen helfen Ihnen dabei." Falls er zustimmt, ihn sichern mit Rettungsknoten usw.
     
  • Versprechungen einhalten!
  • Keine Versprechungen machen, die wir nicht halten können!
  • Etwas zu rauchen oder zu trinken oder einen Kaugummi anbieten. Wir können Sagen: "Es ist ja saukalt hier oben, frieren Sie nicht? Wir können unten im Warmen weiterreden." Das müssen wir dann aber auch. Oder Verabredung des Pfarrers, in der Wohnung, im Pfarramt weiterzusprechen.
  • Schon in dem Moment, wo sich der Lebensmüde Gedanken über Konsequenzen seines Handelns macht, hat er sich bereits für das Weiterleben entschieden. Die Angst vor einer Einweisung in eine "Klapsmühle" kann man bei Ansprache offen dis­kutieren und ihm hierzu ein Gespräch mit dem (unten wartenden) Notarzt oder einem Psychologen anbieten.

Juristisch:

  • Ein Suizidant muss vor sich selbst geschützt werden, das beurteilt ein Psychiater/Nervenarzt in der Klinik. Darauf hinweisen, dass er, wenn er freiwillig sich ins Krankenhaus (Psychiatrie) bringen lässt, er auch am nächsten Tag wieder ent­lassen werden muss auf seinen Wunsch. Bei einer Zwangseinweisung wegen Selbstgefährdung ist das anders! Da wird er erst entlassen, wenn der Arzt der Meinung ist, dass keine Selbstgefährdung mehr besteht (kann lang dauern) bzw. wenn eine Therapie (Suchtproblematik Alkohol/Drogen - Entzug usw.) gemacht wurde.
  • Strafverfolgung: Einsatzleiter POL einbeziehen - abklären
  • Bedenken zerstreuen wegen Übernahme von Einsatzkosten oder des Gesichtsverlusts bei Bekannt werden der Tat.
  • Therapieangebot durch Arzt machen lassen